Im technischen Einkauf der Kleinserie führen Durchschnittspreise oft in die Irre. Das gilt besonders für Branchen wie Luft- und Raumfahrt oder Verteidigung: Die Jahresmenge je Teil liegt dort zwischen einem und wenigen Dutzend Stück, die technischen Anforderungen bleiben trotzdem sehr spezifisch.
In einer aktuellen COVALYZE-Analyse stand genau das an: ein großes, gemischtes Portfolio technischer Zukaufteile, hoher Kostendruck und wenig Zuversicht, dass überhaupt noch nennenswerte Einsparungen zu holen sind. Im Umfang lagen mehr als 2.000 verschiedene Teile, viele davon in sehr kleinen Stückzahlen. Eine Verhandlung auf Warengruppenebene hätte hier nicht getragen. Realistisch war nur der Weg über das einzelne Teil: Jedes Teil bekommt ein eigenes Verhandlungsargument, gestützt auf eine nachvollziehbare Kostenrechnung.
Zu viele Teile, zu viel technische Varianz
Das analysierte Lieferantenportfolio umfasste 198 Teilenummern mit einem Einkaufsvolumen von mehr als 550.000 €. COVALYZE hat 180 Teile gerechnet, rund 91 % des Einkaufsvolumens.
Aufwendig wurde die Analyse vor allem durch den Werkstoffmix:
- 45 % GFK-Teile, glasfaserverstärkter Kunststoff, meist dort eingesetzt, wo Festigkeit bei geringem Gewicht gefragt ist
- 35 % Kunststoff- und PVC-Teile
- Restanteil: Stahlteile
Geometrisch waren die Teile nicht komplex, aber sehr unterschiedlich. Einzelne wogen bis zu rund 30 kg, und die Fertigung reichte vom einfachen Sägen aus GFK-Platten bis zum Fräsen von GFK-, Kunststoff- oder Stahlblöcken. Für ein klassisches Beraterteam bedeutet diese Bandbreite viel Handarbeit, denn jedes Teil muss einzeln verstanden werden: Werkstoff, Geometrie, Fertigungsverfahren und die Preislogik des Lieferanten, eines nach dem anderen.
Warum Durchschnitts-Benchmarks nicht tragen
Der Kunde rechnete anfangs mit wenig bis gar keinem Einsparpotenzial. Ein Grund dafür war die Zurückhaltung, Lieferanten bei schwankenden Rohstoffpreisen überhaupt anzusprechen. In Warengruppen wie GFK vermeiden viele Unternehmen das Gespräch, weil eine Nachfrage schnell eine neue Preiserhöhung nach sich zieht.
Die Analyse zeichnete ein differenzierteres Bild. Der Lieferant war nicht durchgehend teuer. Einige Teile lagen über dem Should-Cost, andere waren bereits sehr wettbewerbsfähig kalkuliert, einzelne sogar unter den gerechneten Kosten.
Lieferantenpreise sind nicht einfach „hoch“ oder „niedrig“. In ihnen stecken Wettbewerb, Werkstoffgruppe, Marktmacht des Lieferanten, technische Prozesslogik und die Preishistorie.
Stahlteile etwa waren deutlich schärfer kalkuliert, vermutlich weil der Lieferant dort stärkerem Wettbewerb ausgesetzt ist. GFK-Teile lagen auf höherem Preisniveau, was zu einer spezialisierteren Lieferantenbasis und geringerem Wettbewerbsdruck passt. Eine übliche Betrachtung auf Warengruppenebene hätte diese Trennung nie sichtbar gemacht.
Das Vorgehen von COVALYZE
COVALYZE hat für das betrachtete Portfolio eine Should-Cost-Analyse auf Teileebene erstellt. Für jedes Teil war die Kalkulation aufgeschlüsselt in:
- Materialkosten
- Maschinenzeit
- Lohnanteil
- Bearbeitungsschritte
- Zusätzliche Fertigungsanforderungen
- Kostenlogik für Greenfield und Brownfield
- Hinweise auf die Marge des Lieferanten
Damit sah der Kunde, wo das Potenzial liegt und warum. Über das analysierte Einkaufsvolumen hinweg hat die Analyse rund 20 % Einsparpotenzial identifiziert. Hochgerechnet auf den gesamten Datenbestand läge die Zahl noch höher.
Der nützlichste Teil des Ergebnisses war aber nicht diese Zahl. Entscheidend war, dass sich die Einsparung Teil für Teil begründen ließ, und das veränderte die Verhandlung. Statt mit einer pauschalen Forderung wie „10 % Preissenkung“ zu starten, konnte der Kunde über einzelne Bauteile sprechen, jedes mit einer klaren Kostenrechnung dahinter.
Konservativ gerechnet statt Potenzial aufgeblasen
Dass der Kunde die Ergebnisse akzeptiert hat, lag vor allem an der Nachvollziehbarkeit der Kalkulation. Jede Annahme war prüfbar:
- Welcher Materialpreis wurde angesetzt?
- Welche Maschinenzeit wurde unterstellt?
- Welcher Lohnanteil wurde gerechnet?
- Welcher Fertigungsschritt treibt die Kosten?
- Welche Teile waren bereits wettbewerbsfähig kalkuliert?
Das war wichtig, weil das anfängliche Einsparpotenzial überraschend hoch aussah. Der Kunde hat die Zahlen angezweifelt, zu Recht: Rund 20 % in einem technisch anspruchsvollen Kleinserienportfolio muss man vertreten können. COVALYZE konnte das, weil hinter der Analyse Einzelkalkulationen je Teil standen und keine Durchschnitte.
Fehlerhafte Gewichtslogik bei den GFK-Teilen
Während der Analyse hat COVALYZE die Angaben aus den 2D-Zeichnungen gegen die 3D-Geometrie geprüft. Dabei kam ein wahrscheinlich systematischer Fehler in der PLM- oder Stammdatenlogik des Kunden für GFK-Teile heraus.
Die 2D-Zeichnungen wiesen Gewichte aus, die rund halb so hoch lagen wie die Rechnung aus der 3D-Geometrie. Nach manueller Prüfung ist die wahrscheinliche Ursache eine Standarddichte von 1,0 für GFK im PLM-System, während für den analysierten GFK-Werkstoff eher 1,9 realistisch ist.
Warum das über den Einkauf hinaus zählt
Der wahrscheinliche PLM-Fehler ist nicht nur ein Kalkulationsproblem. Falsche Gewichte laufen in eine Reihe operativer Prozesse ein:
- Logistikplanung
- Annahmen zu Transportkosten
- Planung der Lagerkapazität
- Traglastberechnungen
- Lieferantengespräche
- Bewertung der Materialkosten
Wenn ein Unternehmen über Jahre mit falschen Gewichtsannahmen für eine Werkstoffgruppe arbeitet, reichen die kaufmännischen Folgen weit über den Einkauf hinaus. Die technische Kostenanalyse prüft an dieser Stelle zugleich die Datenqualität im ganzen Haus.
Was Einkaufsteams daraus mitnehmen
Der Fall zeigt, warum der technische Einkauf in der Kleinserie anders vorgehen muss. Bei gemischten Teilen mit Jahresmengen zwischen einem und wenigen Dutzend Stück tragen breite Benchmarks und durchschnittliche Kilopreise nicht. Was Teams stattdessen brauchen:
1. Should-Cost-Logik auf Teileebene
Jedes Teil braucht seine eigene Kostenrechnung.
2. Auswertung je Werkstoff
GFK, Kunststoff und Stahl folgen jeweils einer eigenen Lieferanten- und Prozesslogik.
3. Abgleich von 2D und 3D
Zeichnungsdaten und 3D-Geometrie gehören gegeneinander geprüft.
4. Nachvollziehbare Kalkulationsannahmen
Verhandlungsargumente tragen nur, wenn Materialpreise, Maschinenzeiten und Lohnannahmen erklärbar sind.
5. Eine konservative Sicht auf Einsparungen
Brauchbar ist die Zahl, die der Prüfung durch den Lieferanten standhält, nicht die höchste.
Fazit
Mit Durchschnitten lässt sich der technische Einkauf schlecht steuern, wenn die Teile gemischt sind, die Stückzahlen klein und die Werkstoffe speziell. COVALYZE hat 180 technische Kleinserienteile auf Teileebene gerechnet, damit eine nachvollziehbare Verhandlungsgrundlage geschaffen, rund 20 % Einsparpotenzial identifiziert und einen wahrscheinlichen Fehler in den PLM-Gewichtsdaten der GFK-Teile aufgedeckt.
Die stärkste Verhandlungsposition im komplexen technischen Einkauf hat, wer die Kostenlogik jedes einzelnen Teils kennt.
Für Einkaufsteams in Luft- und Raumfahrt, Verteidigung und anderen technischen Kleinserienbereichen: COVALYZE Analytics und PartIQ machen aus gemischten Kleinserienportfolios einen Verhandlungshebel für jedes einzelne Teil.